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Tuesday, 12. December 2017

Le Havre

Historische Karte (um 1888)

Le Havre ist eine Stadt im Nordwesten Frankreichs in der Region Haute-Normandie im Département Seine-Maritime (76). Am rechten Ufer der Seine gelegen verfügt Le Havre über den zweitgrößten Hafen Frankreichs (nach Marseille), zu dem ein Yachthafen mit 1050 Liegeplätzen gehört. Le Havre hat auch einen Flughafen. Zahlenmäßig ist Le Havre die größte Stadt der Normandie, flächenmäßig die zweite nach Rouen. Die Einwohner nennt man im französischen Havrais.
Le Havre befindet sich an der Südspitze der Pays de Caux, unmittelbar an der Mündung der Seine, die hier eine Breite von über fünf Kilometer hat. Mit der Stadt Honfleur am (linken) Südufer des Flusses ist Le Havre durch die Pont de Normandie verbunden.

Geschichte

Le Havre * fotografiert von Urban * GNU-FDL

Le Havre ist eine relativ junge Stadt, da sie erst im Jahre 1517 auf Anregung des Admirals Bonnivet als Kriegshafen erbaut wurde - die offizielle Gründungsurkunde des Königs Franz I. für das damalige Franciscopolis stammt vom 8. Oktober 1518. Der spätere Name Le Havre-de-Grâce war Pate für den Ort selben Namens in Maryland, USA. Im Mittelalter bestanden hier nur kleine Fischer- und Bauerndörfer, während der Haupthafen der Region in Harfleur lag. Der neue Hafen Le Havre sollte dem wachsenden Überseehandel gerecht werden, aber durch seine Befestigung auch der militärischen Sicherung der Seinemündung dienen.
Die Bedingungen in der von Sümpfen umgebenen Siedlung waren allerdings alles andere als optimal, zumal die junge Stadt 1525 Opfer einer schweren Sturmflut wurde, die rund hundert der damals 600 Bewohner das Leben kostete. Dennoch blühte die Stadt bald auf, wozu nicht zuletzt die 1524 erbaute Werft beitrug. Auch als Heimathafen einer Fischereiflotte gewann die Stadt an Bedeutung, zudem war sie Ausgangspunkt mehrerer Forschungs- und Entdeckungsreisen. Mit dem Bau der Kathedrale wurde 1536 begonnen, seit 1541 erhielt die Stadt nach den Plänen des Italieners Girolama Bellarmato mit Rechteckgrundriss und modernen Bastionen das Gesicht einer frühneuzeitlichen Planstadt. Die Hugenotten fanden in der Stadt nach 1560 viele Anhänger, was eine militärische Reaktion der Katholiken provozierte (siehe: Hugenottenkriege), allerdings erhielten die Protestanten Le Havres auch Unterstützung durch England, das 6.000 Mann unter dem Kommando des Grafen von Warwick schickte, der hier das Fort Warwick erbauen ließ, ohne sich allerdings lange halten zu können.
Nach der Vertreibung der Engländer ließ König Karl IX. das Fort schleifen. Kardinal Richelieu ließ dann im 17. Jh. vier neue Bastionen anlegen, außerdem erhielt Le Havre ein Arsenal. 1650 wurden in der neuen Zitadelle der Stadt führende Vertreter der Fronde inhaftiert. Unterdessen richtete die französische Indienkompanie in Le Havre ihren Sitz ein, das nicht zuletzt vom Sklavenhandel profitierte. Auch der Beschuss durch die englische Marine 1694 konnte diesen Aufschwung kaum stören, auch wenn dabei 300 Häuser zerstört wurden. Der Besuch der Madame Pompadour kostete die Stadt dann 1749 noch einmal enorme Summen. 1759 kam es während des Siebenjährigen Krieges erneut zu einem Angriff der Engländer. Dennoch wächst die Stadt, in der sich bald auch eine Tabakmanufaktur befand. Ludwig XVI. genehmigte 1786 einen Ausbau der Stadt, der dessen Fläche vierfachte, die Einwohnerzahl betrug 1789 etwa 20.000, in dieser Zeit wurde auch das Theater der Stadt erbaut. Die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika beförderte den Handel zusätzlich, sodass Le Havre, nach Nantes, zum zweitgrößten Hafen Frankreichs aufstieg.
Die Kontinentalsperre brachte dann allerdings eine langjährige Krise mit sich, die erst durch die Restauration 1815 ein Ende fand. Die hygienischen Verhältnisse hielten allerdings mit dem wieder einsetzenden Wachstum nicht schritt, zumal die beginnende Industrialisierung die Entstehung größerer Armenviertel begünstigte, in denen Cholera- und Typhusepidemien an der Tagesordnung waren. Das reiche Bürgertum konnte sich dagegen den Bau repräsentativer Stadtpalais leisten, in der ersten Hälfte des 19. Jhs. wurde Le Havre auch Sitz einer Börse. Die Einrichtung einer Gasversorgung (1836) und einer Kanalisation (1844) besserten dann die Lage auch für weite Teile der Bevölkerung. 1841 ist Le Havre bereits Heimathafen von 32 Dampfschiffen, 1847 erhält die Stadt einen Eisenbahnanschluss, Anfang des 20. Jhs. ist Le Havre Europas größter Kaffeeimport-Hafen, auch Baumwolle wird in immer größeren Mengen aus der Neuen Welt angeliefert, während zugleich eine vermehrte Auswanderung in die USA zu beobachten ist. Trotz der Industrialisierung wurde Le Havre allerdings zunehmend auch als Kur- und Erholungsort genutzt, wozu vor allem die großzügige Anlage von Boulevards während der Belle Époque beitrug. Zugleich nahm allerdings auch die politische Agitation der Arbeiterschaft zu, die sich in Streiks und im Aufstieg der sozialistischen Parteien zeigte.
Der Erste Weltkrieg kostete 6.000 Einwohner der Stadt das Leben, auch wenn die Stadt selbst weit genug von der Front entfernt war, um Schäden zu erleiden. Sie diente vor allem als Nachschubhafen für die Engländer, wobei deutsche U-Boote hier mehrere Schiffe versenkten. 1922 und 1936 kam es dann noch einmal zu massiven Streiks, wobei sich die wirtschaftliche Situation durch die Krise nach 1929 verschlechterte, woran auch der Bau von Erdölraffinerien wenig änderte. 1940 zogen dann, während des Zweiten Weltkriegs die deutschen Truppen in Le Havre ein, wo sie eine Garnison von 40.000 Mann stationierten und den Hafen im Rahmen des Atlantikwalls zu einer schweren Festung ausbauten. Insbesondere die jüdische Bevölkerung, darunter der Bürgermeister, war schweren Repressionen ausgesetzt, allerdings wurde hier auch die Résistance aktiv, insbesondere nach der Landung der Alliierten in der Normandie. Die Stadt war insgesamt 132 Bombenangriffen ausgesetzt, wobei den massivsten die Briten am 5. und 6. September 1944 flogen; er kostete 5.000 Menschen das Leben und zerstörte 12.500 Gebäude.
Nach dem Krieg wurde Le Havre nach den Plänen des Architektenbüros Auguste Perret in einer modernen Betonarchitektursprache wieder aufgebaut. Das Rathaus und die Kirche St. Josef wurden nach seinen eigenen Plänen gebaut. Der das Stadtbild beherrschende Kirchturm, durchaus in der Tradition der Beinhäuser des 1. Weltkriegs, erinnert an die Zerstörung. Von 1972 bis 1978 wurde von Oscar Niemeyer ein Kulturzentrum errichtet, das «Maison de la Culture du Havre», das wegen seiner Form eines abgeschnittenen Vulkankegels auch «le volcan» genannt wird.
Durch den Wandel der Industrie, insbesondere auch durch die Ölkrise der 70er Jahre, hat die Stadt einige wirtschaftliche Schwierigkeiten mitgemacht, wodurch die Bevölkerung seit 1975 um 12 % zurückgegangen ist. Im Juli 2005 wurde die Stadt in die Liste des UNESCO-Welterbe aufgenommen.

 

Wirtschaft

Le Havre ist ein Zentrum der Petrochemie mit zahlreichen Raffinerien und hängt stark von seinem Seehafen ab, der einer oder der größte Frankreichs ist. Darüber hinaus hat der Schiffbau Bedeutung sowie die Nahrungsmittelindustrie. Vor den Toren der Stadt befindet sich in Sandouville eines der größten Werke des Automobilherstellers Renault sowie entsprechende Zulieferindustrie. Hier werden die Modelle Laguna, Vel Satis und Espace hergestellt (Stand 2006).

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